Stadt Ehingen

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Paul Kleinschmidt

Im Paul Kleinschmidt-Saal vermitteln mehrere wichtige Ölgemälde aus den 30er Jahren - Stillleben, Alblandschaften, Familienporträts - einen Einblick in das Werk des expressiven Realisten, der von 1932 bis 1936 in Ulm, Blaubeuren und Ehingen lebte. Diese Werke sind eine Dauerleihgabe der OEW.
Paul Kleinschmidt (1883-1949)

Werke in der Städtischen Galerie

Die 6 Gemälde in Ehingen, Dauerleihgaben der OEW, ermöglichen einen guten Überblick über das Werk, die zentralen Bildmotive und Malweise: Expressiver Pinselduktus und pastoser Farbauftrag sind von Corinth und van Gogh inspiriert; die Bildkomposition mit den engen Ausschnitten, der kompakten Dichte und Verzahnung von Vorder- und Hintergrund erinnert an Max Beckmann und die gotische Malerei. Daraus hat P.K. einen eigenständigen Stil entwickelt, den man sofort erkennt.

In der Bar (1939 in Varenne im Exil gemalt)

Vermutlich ein Selbstbildnis Kleinschmidts mit seiner Frau. Die extreme Nahsicht, der eng gedrängte Raum und die angeschnittenen Bildränder geben der Szene eine bedrückende Enge. Die Farbstimmung ist düster, die Rot-und Gelbtöne flackern fahl und gebrochen. Der wirre, fast konfuse Pinselduktus in K.s Gesicht vermittelt die Angst des Verfolgten. Unberührt vom Geschehen thront die Bardame mit pupillenlosen, schwarzen Augenhöhlen wie eine kalte Schicksalsgöttin über allem. Eine einfache Barszene wird so zum existentiellen Gleichnis.

Albstraße bei Mähringen (1933)

Landschaften skizzierte Kleinschmidt stets vor Ort und entwickelte daraus später im Atelier das Gemälde. Grundsätzlich vermied P.K. symbolhafte, tiefere Bedeutungen, doch in vielen Gemälden der Verfolgungszeit drängen sich Deutungen auf. Der Weg des Wanderers führt in eine eng zulaufende Schlucht. Am Horizont steht eine blasse, kraftlose Abendsonne. Als strudelnder Wasserfall stürzen die Felsen von rechts oben herab, wie Harpunen stechen die Spitzen der Tannen in den Himmel, wie ein Sägeblatt bedrohen sie den Weg.
Was erwartet wohl den einsamen Wanderer?

Weiße Lilien mit Baumkuchen (1939)

Kleinschmidts Talent, seine Motive mit Assoziationen an sinnliche Genüsse aller Art aufzuladen, zeigt sich auch hier: der süßliche Duft weißer Lilien, wie mit Puderzucker bestäubt, die schwingenden Blütenkelche als weihnachtlich klingende Silberglöckchen, der Baumkuchen, der mit seinen vielen Brüsten von der unverhohlenen Erotik süßen Schlemmens kündet.

Lesende Frau (vermutlich Tochter Maya, 1939)

Mit offensichtlichem Wohlgefallen hat der Künstler hier vermutlich seine damals 24-jährige Tochter verewigt. Üppige, dralle Rundungen, erotisch hochgerüstet mit knapper Lederkorsage und kniehohen Stilettos verkörpert sie perfekt das Schönheitsideal, dem P.K. in seinen zahlreichen Darstellungen von Diven aus der Welt der Bars und Kabaretts gehuldigt hat. Im Gegensatz zu diesen doch eher abgelebten Damen bezaubert sie durch ihre freche, mädchenhaft unbekümmerte erotische Ausstrahlung. Die geschlossene Rose steht seit dem Mittelalter als Symbol der Jungfräulichkeit. So steht sie in absolutem Gegensatz zum spießigen Frauenbild der Nazis. In diesem Bild hat der Maler offensichtlich die Not und Entbehrung des Exils in La Varenne, wo es entstanden ist, vergessen. Der nahe Blick von oben schafft intime Nähe. Genussvoll fährt der Pinselstrich die Rundungen nach, kraftvolle Schraffuren im Hintergrund, die wegfliegenden Locken und die überkreuzten Beine lassen etwas vom sprühenden Temperament Mayas spüren.

Zementfabrik (1936)

Entstanden kurz vor dem Exil, als die Kleinschmidts für einige Monate zwei möblierte Zimmer in Ehingen bewohnten. Künstlerisch gereizt hat den Maler offensichtlich der Dialog der wellenartig bewegten Naturformen mit den geometrischen Formen industrieller Architektur, die sich vertikal und mit den Diagonalen von Schiene, Kanal und  Straße in die Landschaft hineinschneidet. Auch hier kann man K.s kulinarisch geleitetes Assoziationsvermögen förmlich schmecken, wie er den grauen Zementstaub in Puderzucker und die Gebäude in Zuckerhüte mit Schlagsahne verwandelt – Köstlichkeiten, die sich die Familie schon lange nicht mehr leisten konnte.

Schwäbische Landschaft (1932)

Hier drängen sich durch die bedrohlich werdenden Lebensumstände symbolische Deutungen auf. Ein matter, fahler Himmel liegt über der Landschaft, Sonne und Mond gemeinsam am Himmel sind biblische Vorzeichen der Apokalypse. Der Weg in den Garten hinein ist durch eine Tür aus spitzen Pfählen versperrt. Pflanzen und Weg sind impressionistisch locker getüpfelt, doch das Licht hat seine Lebendigkeit und Leuchtkraft verloren.